Bicing - Barcelona im Dreißigminutentakt

Mittwoch, 08.07.2009  –  Kategorie: Allgemein, Schnelltest
Autor: Bibi

Wer in den letzten zwei Jahren Barcelona besucht hat, hat unausweichlich die folgenden Beobachtungen gemacht:

  • Erstens: Alle Katalanen sind Barça-Fans, oder tun zumindest so, um nicht anzuecken;
  • Zweitens: die Straßen der katalanischen Hauptstadt sind voll putziger rot-weißer Fahrräder.

Das ist Bicing. Von Bici, Spanisch für Radl, und „-ing”, Englisch für, ja was eigentlich? Halt Englisch, macht sich marketingtechnisch immer gut.
Seit Frühjahr 2007 gehört Bicing zu Barcelona wie die Dönerbuden zu Berlin.

Die Idee ist denkbar einfach: Von offizieller oder privater Seite (in unserem Fall: von der Stadtverwaltung) werden an allen (un)denkbaren Ecken der Stadt Stationen eingerichtet, an denen man Fahrräder ausleihen und auch wieder abgeben kann. Das einzige was man braucht, ist die Bicing-Karte, die man übers Internet bestellt. Kostet 30 € im Jahr und ist somit ein unglaubliches Schnäppchen, wie jeder wissen wird, der schon man bei der Deutschen Bahn ein Rad geliehen hat oder jemanden kennt, dessen Schwager das mal gemacht haben soll.
Wenn man dann im Besitz dieser (ebenfalls rot-weißen) Karte ist, kann es losgehen:

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Einfach an der nächstbesten Station die Karte an den Sensor halten, warten bis der Bildschirm grün wird und einem eines der verfügbaren Räder der Station zuweist. Das ist allem Anschein nach völlig willkürlich, zumindest kenne ich niemanden, der eine bombensichere Faustregel für dieses Verfahren gefunden hat. Bei großen Stationen wie der am Arc de Triomf ist also durchaus Eile angesagt, wenn einem etwa Fahrrad Nummer 37 zugewiesen wird. Trödelt man zu sehr, wird dieses nämlich wieder in der Station verankert und man darf von vorne anfangen.

Man darf 30 Minuten unterwegs sein, bevor man das Fahrrad wieder abgeben muss. Sonst wird draufgezahlt, wobei der Tarif anfangs noch erträglich ist: Fuffzich Cent pro halber Stunde, wobei der Preis danach langsam aber sicher ansteigt, ab 2 Stunden sind es 3 Euro und so weiter. Richtig blechen muss man aber, wenn man das Fahrrad erst nach 24 Stunden - oder noch schlimmer - gar nicht zurückgibt: schlappe 150 Euro. Wobei man so einige „customized”-Bicing-Versionen durch Barcelona kurven sieht, mit neuem Anstrich und Fahrradschloss. Einigen scheint das Radl also dieses Geld wert zu sein.

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Stationen gibt es mittlerweile so viele, dass sich die Vespabesitzer schon beschweren: überall da, wo die früher ihr Gefährt abstellen konnten, ist heute eine Bicingstation, oder noch schlimmer: ein Fahrradweg. Davon gabs noch vor drei Jahren großzügig geschätzte zwölf Meter in ganz Barcelona. Heute sind es etwa 150 Kilometer.

Die „Öffnungszeiten” von Bicing sind vor allem am Wochenende praktisch, da kann man rund um die Uhr radeln. Unter der Woche leider nur von 5 Uhr morgens bis um Mitternacht, das gilt aber nur fürs ausleihen, abgeben kann man immer.

Alles super also? Von wegen. Murphys Gesetz macht auch vor Bicing nicht halt. Und das Gesetz heißt in diesem Fall wie folgt: Die Station, an der man ein Fahrrad ausleihen will, ist leer oder voller Räder mit Platten. Und die Station, an der man das Rad abgeben will, ist voll. Und kein Leihbereiter weit und breit.

Von solcherlei Unannehmlichkeiten abgesehen, kann ich persönlich Bicing nur empfehlen. Und nach einiger Zeit kennt man auch die wichtigsten ungeschriebenen Regeln im Schlaf:

1) Immer das Rad überprüfen, bevor man losheizt. Sonst kann es passieren, dass man wahlweise Platten, nen Achter im Reifen oder keine Bremsen hat. Oder auch alles auf einmal.
2) Genug Zeit einplanen, falls die Station vorm Haus leer sein sollte und man die nächste oder übernächste aufsuchen muss.
3) Wer an einer leeren oder vollen Station ankommt und nicht der erste Wartende ist, fragt artig, wie in der Bank oder beim Metzger: „¿Quién es el último?” um die Wartehierarchie zu klären.
4) Obacht. Nicht von Erfahrung im deutschen oder gar holländischen Straßenverkehr ausgehen. Hier gilt: Autofahrer schauen NIEMALS, ob sich im toten Winkel ein Radler befindet. Schon gar nicht beim rechts abbiegen.
5) Niemals, wirklich niemals versuchen, morgens an der Plaça Espanya ein Rad ausleihen wollen. Es gibt keins. Wirklich. Und wenn man eine geschlagene Stunde wartet.

Bleiben nur die technischen Details zu klären: die Webseite ist www.bicing.com. Und die Rundumdieuhrservicenummer ist die 902 55 31.

Um abschließend doch noch mal vom Thema abzuschweifen: Wieso eigentlich sind alle Dönerbudenschilder in ganz Barcelona auf Deutsch verfasst?

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5 Vermerke zu “Bicing - Barcelona im Dreißigminutentakt”

  1. Stockholmerin vermerkt:

    Wir haben so etwas auch in STHLM aber nicht in der Menge. STHLM ist einfach keine Fahrradstadt. Ich habe auch keinen blassen Schimmer wie man die ausleiht. Man sieht manchmal welche, aber selten. Und eine Schlange für ein Fahrrad habe ich in STHLM noch nie gesehen! Als wenn die STHLMer sich für ein FAHRRAD anstellen würden. NIEMALS! Wenn man den Weg von der Tür bis zum Briefkasten mit der U-Bahn zurück legen könnte, würden sie das wohl auch noch machen. Natürlich nicht im Sommer, da sie da ja die zwei Stunden Sonne am Tag genießen wollen, aber den Sommer verbringen die STHLMer auch nicht in STHLM sondern auf dem Land in ihren Sommerhäuschen. ;-) Ihr seht das Dilemma?

  2. Bunte Anna vermerkt:

    also ich wage zu vermerken, dass es solche fahrradservices eh schon fast in jeder pimperlstadt angeboten werden (santiago de compostela (kann man jetzt nicht soo groß nennen) manchester (auch fast alles in Gehweite)…) aber das Angebot allein machts ja nicht. Wien könnte sich so einiges von Bicing abschauen hinsichtlich der Fahrradausstattung (weicherer Sitz, 3 Gänge, die meistens auch funktionieren) Gummibandl zum Sichern der Tasche im Vorderkorb. supi! Kann mich schon an einen Ausflug erinnern mit dem Vienna City Bike, bei dem ich wegen mangelndem Schnürl zum Anbinden meiner Sachen meinen kuschelweichen Polster verloren hab :-(. Naja gut. Von den fehlenden Radwegen in Wien möchte ich gar nicht erst anfangen, auch wenn hier der Infrastrukturminister gleich wieder einen Vortrag über die Unmengen von neuen Radwegen daherfaseln würde-> ich habe davon bis jetzt wenig gemerkt.

    Umgekehrt wieder ist die availability und das Preis-Leistungsverhältnis hier in Wien schon gut. Anmelden kann man sich an jedem Terminal mit einer gültigen Bankomatkarte oder Kreditkarte. Auch Touristen. 2 Euro beträgt die Gebühr für zwei Jahre, die erste Stunde jedes Radausfluges ist gratis, wobei man dazu sagen muss, dass ca. 90 Prozent aller Radtouren mit dem Citybike weniger als 60 Minuten dauern (laut den Werbeplakaten), sprich man steigt gratis aus. Stylische Magnetkarte gibt’s zwar nicht, dafür muss man sich halt seinen username und passwort merken. Jup. Dass mal ein Stand leer oder voll war, hab ich nur zur EM erlebt, als alle zum Stadio radeln wollten (wunderschöne Strecke übrigens, für alle Wienbesucher). Sehen tu ich allerdings fast nie ein Citybikeauto, das die Räder verteilt.

    Soweit die Wienlage.

    Ich bin auf jeden Fall ein Citybike-Fan, jawoll.

    Kleine Anekdote zum Schluss: als das ganze vor ein paar Jahre eingeführt wurde, hat es damals gereicht ein zwei Euro-Stück in einen Slot zu schieben und dann konnte man beliebig lange fahren. Ja, die touren wurden tatsächlich bald beliebig lang- kurz darauf waren alle Räder “verborgt” auf Nimmerwiedersehen, teilweise hat man auch welche aus der Donau fischen können. :-D Das System lernt und lernt und lernt also….

  3. partikelfernsteuerung vermerkt:

    Da kann ich nur beisteuern, dass die Nummer in Paris ziemlich die gleiche ist: 30€ für die Jahreskarte, dann darf man Touren bis 30min. ohne weitere Kosten machen. Danach geht es dann ebenfalls aufwärts mit den Preisen.
    Im Wettbewerb um das schrägste Wortspiel sind die Franzosen ebenfalls vorne mit dabei, allerdings selbstverständlich ohne Anglizismus: vélib’ heißt die Kreation, für “vélos en libre-service”.

    Billig, praktisch und oft kaputt, lautet auch hier das Fazit.

    Wie das so ist, wenn Public-Private-Partnerships (Stadt Paris+JC Decaux) auf französische Arbeitnehmerkultur treffen, sind die Mitarbeiter schlecht bezahlt und wütend.

  4. Franzi vermerkt:

    Ich habe die meisten citybikes als sehr hässlich empfunden…in Kopenhagen gab es am Wochenende mal wieder die Bestätigung dafür.
    Ich musste es nicht benutzen, sondern konnte ein “Einheimisches” von einer Freundin nehmen. Dann fühlt man sich nebenbei dazugehörig und nicht wie “der Touri”…
    Ansonsten benutzen wohl die Schweden dort am meisten diese bikes…sie verstehen anscheinend am schnellsten das Prinzip.

  5. peter vermerkt:

    cooles biketuning. hiern anderer ansatz ;-)

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